Die Relativität des Fehlerbegriffes in der EDV

Eine Besonderheit von Computern liegt darin, daß grundsätzlich kein System definitiv fehlerfrei ist; und zwar weder Hard- noch Software. Zum einen liegt das – rein praktisch gesehen - an der hohen Komplexität der Systeme. Zum anderen verbirgt sich dahinter aber ein mathematisches Grundlagenproblem[1]. Deshalb kann die richtige Funktion einer EDV-Komponente im Regelfall nicht in einem mathematisch strengen Sinn bewiesen werden. Die tatsächliche Funktion von EDV-Systemen ist daher keine zwingende naturwissenschaftliche technische Eigenschaft, sondern eher eine Vertrauensfrage.

Zur Typologie der Fehler vgl. Zahrnt, Probleme bei DV-Projekten und Gegenmaßnahmen, CR 2000, 402 ff.

Daraus ergibt sich, daß der Begriff des Fehlers nicht in jeden Fall ein geeigneter Ansatzpunkt für die Frage der Mangelhaftigkeit eines Systems ist. Dies läßt sich mit dem Wortlaut von § 459 BGB durchaus in Einklang bringen.

Andersherum wird aber häufig argumentiert, daß es wegen der grundsätzlichen Unvermeidbarkeit von Fehlern bei Computersoftware auch beim kaufrechtlichen Überlassung von Software ein Nachbesserungsrecht geben muß.[2] Diese weitreichende Konsequenz ist allerdings nicht notwendig, wenn man die entsprechenden Gesichtspunkte in die Abgrenzung der Softwareüberlassung als Kaufvertrag[3] einerseits oder als Werkvertrag andererseits mit einbezieht; hier sollte nicht zu schematisch vorgegangen werden.

Eine andere Problematik besteht darin, Fehler von Ungeschicklichkeiten abzugrenzen. Manche Programme sind praktisch allein deswegen unbrauchbar, weil sie immer wieder zu Anwendungsfehlern führen, weil sie in der Benutzerführung (aus der Sicht der Logik des typischen Benutzers) inkonsistent und widersprüchlich sind. So gibt es Programme die mit „Return“ immer einen Schritt weiter und mit „Esc“ immer einen Schritt zurück gehen.

Fall 1: Ein Programm für electronic banking hielt sich im wesentlichen daran, mit Ausnahme einer Stelle, nämlich wenn es um die Ausführung der erfaßten und gespeicherten Überweisungen ging. Dort bewirkte „Return“, daß man wieder in den Modus zum Überarbeiten der erfaßten Überweisungen kam, also überprüfen und korrigieren konnte; wohingegen „Esc“ die Überweisungen tatsächlich und endgültig ausführte. War man sich also sicher, daß alle Überweisungen richtig sind, kam man mit dem Programm nicht weiter, weil man nicht auf die Idee kam „Esc“ zu drücken. War man allerdings im Zweifel, ob alles richtig erfaßt ist und wollte nochmals nachschauen, also einen Schritt zurück, drückte man instinktiv die „Esc“-Taste und löste damit den Überweisungsvorgang aus.

Ist dies als Fehler mit der Folge von Schadensersatzansprüchen zu qualifizieren?


Fall 2: Ein Programm zur Speicherung von Kontoverbindungen der Lieferanten und zur Zahlung deren Rechnungen bot die Möglichkeit durch Eingabe des Lieferantennamens den entsprechenden Lieferantendatensatz aufzurufen. Durch Zufall gab es zwei gleichnamige Lieferanten, die nichts miteinander zu tun hatten, der eine aus Nürnberg, der andere aus Radolfzell. Eine Rechnung wurde an den falschen gezahlt, der alsbald in Konkurs fiel und das Geld nicht zurückzahlen konnte. Es stellte sich heraus, daß das Programm bei Gleichnamigkeit von Lieferanten jeweils den ersten und erst nach Eingabe eines weiteren Suchbefehls auch den zweiten anzeigte. Es war am Bildschirm kein Hinweis auf die Zahl der gefundenen Datensätze angezeigt und auch kein Hinsweis auf die Möglichkeit des „Weitersuchens“ bzw. „Weiterblätterns“.

Ist dies als Fehler mit der Folge von Schadensersatzansprüchen zu qualifizieren?

Kommt es darauf an, wie das Suchen im Handbuch beschrieben ist?

Fall 3: Ein Buchhaltungsprogramm legt bei seiner Installation eine ganze Reihe von Dateien an, die mit Leerzeichen vorbelegt sind, die also zwar leer sind, aber dennoch Speicherplatz belegen. Dies dient der Sicherheit darüber, daß nicht durch Hinzufügen einer Buchung bei fast voller Platte ein halbfertiger Buchungssatz bzw. ein undefinierter Zustand entsteht. Allerdings kommt es zu einem Systemabsturz (ohne Fehlermeldung) bei der Installation, wenn man die Anzahl der zu erwartenden Buchungssätze so groß wählt, daß der Plattenplatz nicht ausreicht, um diese Leerdateien aufzunehmen.

Ist dies als Fehler mit der Folge von Schadensersatzansprüchen zu qualifizieren?

Reicht es aus, wenn die Zusammenhänge im Handbuch erläutert sind oder ist eine Fehlermeldung am Bildschirm zu fordern? Oder ist gar eine vorherige Platzprüfung des Systems vor Beginn der Installation zu fordern?


Fall 4: Ein Programm bietet die Wahl, es unter Windows im Vollbildmodus (ohne Windows-Rahmen) ablaufen zu lassen. Ein unerfahrener Benutzer macht davon Gebrauch, weiß aber nicht mehr, wie er das System ordnungsgemäß beenden kann und schaltet den Computer einfach aus. Es gehen zahlreiche Daten verloren; viele Datenbestände sind in einem undefinierten Zustand. Der ordnungsgemäße Zustand kann nur mit viel Mühe und hohen Kosten wiederhergestellt werden.

Ist dies als Fehler mit der Folge von Schadensersatzansprüchen zu qualifizieren?

Ist das ein Fehler des Programms oder ein Fehler von Windows? In welchem Handbuch sollte das Vorgehen beschrieben sein?

Trifft den Benutzer ein Mitverschulden, weil er seine daten nicht gesichert hat?



[1] Vgl. das Theorem von Goedel

[2] Vgl. Schneider, Handbuch des EDV-Rechts, 2. Auflage 1997, Köln (O. Schmidt), RdNr. A 84.

[3] Vgl. Hoeren, Softwareüberlassung als Sachkauf – Ausgewählte Rechtsprobleme des Erwerbs von Standardsoftware, München (Beck) 1989.